Homo Magi 

Runen und Raunen

02.08.2020

Hallo Salamander,

ich bin immer wieder überrascht, wenn Menschen einem den Gebrauch bestimmter Symbole verbieten wollen, weil die Symbole eindeutig verbrecherischen Gruppen zuzuordnen sind. Für das Hakenkreuz gilt das sicherlich noch für meine Generation, weil die „Bilderflut des Bösen“ hier unfassbar präsent ist, aber schon bei den Runen wird das schwierig.

Ich habe tatsächlich mal für unseren Heiden-Verein ein Hausverbot für eine Tagungsstätte bekommen, weil wir (als vorher mietender Fantasy-Verein; die Gruppen wären nur in meiner Person identisch gewesen) ein Mitglied hatten, was eine Grußbotschaft in Tolkien-Runen in das Gästebuch schrieb. Hausverbot, lebenslang. Kein Witz.

Jetzt habe ich aber eine Runennutzung gefunden, die so banal und wunderschön ist, dass man sicherlich behaupten könnte, wenn die das darf und kann, dann kann und darf ich das auch.

In „Mit einem Jugendbildnis“ von Mascha Kaléko (meiner Strandlektüre aus dem Urlaub) heißt es:

Nun send ich dir mein Bild als Abschiedstrost.

– Wenn einst die Jahre ihre Runen schreiben,

Hier werde ich immer zwanzigjährig bleiben (…)

Ich kann diese Lyrik nur weiter empfehlen … aber das gehört nicht hierher. Wer war diese Frau? Wir fragen mal die treue Wikipedia[1]:

Mascha Kaléko (…) war das nichtehelich geborene Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und seiner späteren Ehefrau, der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen. 1914 (…) übersiedelte zunächst die Mutter mit den Töchtern Mascha und Lea nach Deutschland, um Pogromen zu entgehen. In Frankfurt am Main besuchte Kaléko die Volksschule. Ihr Vater wurde dort aufgrund seiner russischen Staatsbürgerschaft als „feindlicher Ausländer“ interniert. 1916 zog die Familie nach Marburg, schließlich 1918 nach Berlin (…). (…)

Kaléko begann 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands (…) eine Bürolehre. Nebenher besuchte sie Abendkurse in Philosophie und Psychologie (…). (…)

Gegen Ende der zwanziger Jahre kam sie mit der künstlerischen Avantgarde Berlins in Kontakt (…). So lernte sie u.a. Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen.

1929 veröffentlichte Mascha Kaléko erste Kabarett-Gedichte (…), die im heiter-melancholischen Ton die Lebenswelt der kleinen Leute und die Atmosphäre im Berlin ihrer Zeit widerspiegeln. (…) 1933 publizierte sie das Lyrische Stenogrammheft, über das der Philosoph Martin Heidegger 1959 an sie schrieb: „[…] Ihr ‚Stenogrammheft‘ sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“ Die reichsweite nationalsozialistische Bücherverbrennung im Mai 1933 betraf das erfolgreiche Werk nicht. Es war im Januar 1933 erschienen und die Nationalsozialisten wussten damals noch nicht, dass Mascha Kaléko Jüdin war. Das kleine Lesebuch für Große erschien 1934. (…)

Bald wurden ihre Bücher als „schädliche und unerwünschte Schriften“ von den Nationalsozialisten verboten. Die neue Familie emigrierte im September 1938 in die Vereinigten Staaten von Amerika. (…) Ein amerikanischer Verlag veröffentlichte 1945 ihre Verse für Zeitgenossen.“

Wenn sie die Runen nutzen kann, ohne dass sie dabei „befleckt“ wird, dann darf das danach jeder, oder?

Dein Homo Magi

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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